Freitag, Januar 27, 2023
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120 Jahre alte Blutbuche bleibt als Habitatbaum erhalten



Sie wacht über den Parkplatz An der Steinert und sticht bei der Zufahrt sofort ins Auge. Die rund 120 Jahre alte Blutbuche mit einem Stammumfang von etwa vier Metern gehört zu den so genannten stadtbildprägenden Bäumen. Allerdings ist die Standsicherheit aufgrund von Pilzbefall nicht mehr gegeben. Baumschützer und –pfleger haben alles Erdenkliche versucht, den Baum zu retten. Ein Gutachter wurde hinzugezogen, der mit Unterstützung eines Baumkletterers eingehende Untersuchungen mit einem Zugversuch unternommen hat. Doch leider vergebens. Die Krone der Blutbuche wird aus Verkehrssicherungsgründen radikal zurückgeschnitten, damit sie wenigstens als Habitatbaum an dieser Stelle erhalten bleibt. Dafür wird der Parkplatz An der Steinert am Dienstag, 20. Dezember, und Mittwoch, 21. Dezember, komplett gesperrt werden müssen.

„Bei unseren Baumkontrollen haben wir Riesenporlinge (Meripilus giganteus) an den Stammfüßen und im Wurzelbereich des Baumes entdeckt“, berichtet Manuel Herzig, Baumpfleger beim Stadtbetrieb Iserlohn/Hemer. Er weiß nur zu gut, dass durch den Fäulepilz insbesondere die Wurzeln von den Unterseiten her geschädigt werden. „Um den Baum zu erhalten, wurde dann die Standsicherheit der Buche mit einem Zugversuch geprüft.“

Gutachter erläutern das Vorgehen wie folgt: Bei dieser Methode wird ein Seil auf Höhe des Stammkopfs am Baum befestigt (Ankerpunkt) und mit einem Seilzug mit einem unteren Ankerpunkt als „Widerlager“ verbunden. Während mit ansteigender Kraft gezogen wird – ein Kraftsensor misst und zeichnet die Last auf – kann mit sensiblen Messgeräten die Verformung der Randfasern des Holzes direkt unter der Rinde ermittelt werden. Damit keine Schädigung des Baumes durch den Zugversuch eintritt, wird nur bis maximal 40 Prozent der angenommenen Windlast in den Stamm eingeleitet. Eine weitere Sicherheit bietet die kontinuierliche Beobachtung der Messdaten während der Untersuchung.

Im Ergebnis zeigte sich, dass die Standsicherheit der Blutbuche nur durch eine enorme Einkürzung der Krone um mehr als 40 Prozent bis in den Starkastbereich zu erreichen wäre. Aber: „Bei einem so starken Eingriff werden Schnitte von ca. zehn Zentimetern Durchmesser und eine starke Besonnung von Kronen- und Stammbereichen nicht vermeidbar. Als Folge ist mit Sonnenbrandschäden und einer nachlassenden Vitalität zu rechnen. Der Erhalt der Blutbuche wäre somit nur noch wenige Jahre möglich“, bescheinigt der Gutachter Dr. Jürgen Kutscheidt aus Krefeld. Und er stellt fest: „Aus gutachterlicher Sicht empfehle ich daher für die Buche die Fällung innerhalb von 12 Wochen.“

Den Baum komplett dem Erdboden gleich zu machen, kam für Julia Kopecky, bei der Stadt Hemer zuständig für Umwelt-, Natur-, Landschafts- und Artenschutz, nicht in Frage. Auch die städtische Baumkommission folgte ihrer und Manuel Herzigs Empfehlung, die Buche wenigstens als Habitatbaum zu erhalten. „Auch ein sterbender Baum ist noch von unschätzbarem Wert. Denn er bietet einer Vielzahl von Insekten, Vögeln, Kleinsäugern und Pilzen Lebensraum, Nahrung, Unterschlupf und Brutplatz“, erläutert die Diplom-Landschaftsökologin, „daher versucht die Stadt Hemer auf städtischen Grünflächen, sofern es aus Verkehrssicherungsgründen möglich ist, Totholz zu bewahren und damit aktiv etwas zum Artenschutz beizutragen.“

 

 

 

Stichwort: Habitatbaum

Habitatbäume sind Bäume, die mindestens einen Baumlebensraum wie zum Beispiel eine Höhle, abgeplatzte Borke, Risse, Spalten oder Astabbrüche aufweisen. Diese Mikrohabitate werden von vielen, teils hochspezialisierten Arten als Zufluchts-, Brut-, Überwinterungs- oder Nahrungsstätte genutzt. Vor allem alte, absterbende Bäume entwickeln im Zuge ihres natürlichen Alterungsprozesses diese wertvollen Strukturen. Der Erhalt alter Bäume im dicht bebautem Stadtgebiet ist somit für die städtische Tierwelt von hohem ökologischen Wert. Beispielsweise bauen Spechte ihre Höhlen vorzugsweise im weichen, von Pilzen zersetztem Holz. Dies erleichtert ihnen die Anlage der Höhlen. Als Nachmieter finden sich dann oft Fledermäuse, Eichhörnchen oder Singvögel in der ehemaligen Spechthöhle ein. Auch viele Insektenarten, deren Larven sich von zersetztem Holzsubstrat ernähren, sind an Totholz gebunden. Insekten wiederum dienen Vögeln und Säugetieren als Nahrungsquelle. Auch abgelöste Rindenteile, die vom Splintholz abstehen, bilden ein Dach und können so verschiedenen Fledermausarten einen Versteckplatz bieten.

Wegen der hohen ökologischen Bedeutung versucht die Stadt Hemer die Habitatbäume, sofern es aus verkehrssicherungstechnischen Gründen möglich ist, zu erhalten. In manchen Fällen muss zur Verkehrssicherung allerdings das gesamte Kronentotholz entnommen werden und es verbleibt nur noch der Torso des Baums. Dies sieht auf dem ersten Blick eventuell etwas gewöhnungsbedürftig aus, da das typische Bild eines Baumes verloren geht, hat für die Tier- und Pflanzenwelt dennoch eine große Bedeutung.

Machen Sie mit: Wenn auf Ihrem Grundstück ein sehr alter oder bereits abgestorbener Baum steht, versuchen Sie diesen (soweit möglich) einfach einmal stehenzulassen. Die Tier- und Pflanzenwelt in Ihrem Garten wird sich darüber freuen.

 



Quelle: Hemer.de

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